Autentico Italiano© by John Axelrod Contact

where to find the best italian food outside Italy

LH 1070 Sky Talk John Axelrod Text Tobias Haberl Fotos Armin Brosch
Lufthansa Magazin 08/08 Sky Talk John Axelrod

(english version below)


de John Axelrod: Von mir aus könnte man sogar im Konzertsaal trinken, sagt der Chef- dirigent des Luzerner Sinfonieorchesters. Weil er kaum natürliche Grenzen zwischen Ohren und Gaumen kennt. Auf dem Flug 1070 von München nach Dresden sprach der Genussmensch mit Tobias Haberl über den Geschmack von Ouvertüren, die Stille im Kopf und darüber, was guten Wein mit guter Musik verbindet

// I wouldn’t mind people drinking at concerts, says the chief conductor of Lucerne Symphony Orchestra for whom hearing and tasting are nearly one and the same. He spoke with Tobias Haberl about how overtures taste and what good wine and good music have in com- mon on flight 1070 from Munich to Dresden


John Axelrod wurde in Houston, Texas, geboren, 1988 machte er seinen Musikabschluss an der Har- vard University. Bereits 1982 erhielt er von Leonard Bernstein Dirigierunterricht. Dennoch versuchte er sich zunächst als Artist & Repertoire Manager für BMG, entdeckte und förderte Rockbands wie die Smashing Pumpkins. Zeitweise war er auch Direktor des renommierten Robert Mondavi Institute for Wine and Food Science in Kalifornien. Seine internationale Karriere führte ihn Ende der neunziger Jahre zu Orchestern wie dem London Philharmonic, dem Los Angeles Philharmonic oder an die Leipziger Oper. Seit 2004 ist John Axelrod Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters und Musikdirektor des Luzerner Theaters. Der 42-Jährige lebt in Luzern und Straßburg, ist Vater einer Tochter.

// The Texas-born conductor took lessons from Leonard Bernstein before earning a music degree from Harvard in 1988. He then worked for BMG, discovering and promot- ing rock bands like the Smashing Pumpkins before joining the Robert Mondavi Wine and Food Center at UC Davis in California. In the late 1990s, John Axelrod conducted famous orchestras like the London Philharmonic and performed at the Leipzig Opera House. Chief conductor of the Lucerne Symphony Orchestra and musical director of Lucerne Theater since 2004.


Lufthansa Magazin: Herr Axelrod, Sie sind nicht nur Dirigent, sondern auch Weinkenner. Gehören klassische Musik und Wein zusammen? 

John Axelrod: Für mich auf jeden Fall! Ich kann Musik schmecken, weil ich Synästhetiker bin. Wenn ich einen Ton höre, bildet sich ein Geschmack auf meiner Zunge, mal süß, mal pikant, mal salzig.

Lufthansa Magazin: Das müssen Sie genauer erklären. 

Axelrod: Als ich zehn war, zog ich mir eine üble Fischvergiftung zu. Ich hatte tagelang 41 Grad Fieber, noch Wochen da- nach schmeckte alles, was ich aß, nach Fisch. Schokolade, Käse, Erdnussbutter, einfach alles! Es war so schlimm, dass meine Eltern mich zu einem Hypnotiseur schickten. Nach der Sitzung war der Fischgeschmack weg, dafür schmeckten aber auf einmal die Töne.

Lufthansa Magazin: Auch heute noch? 

Axelrod: Ja, manchmal würde ich meinem Orchester gern sagen: Hier noch etwas Zucker oder da bitte eine Prise Salz! Doch vor meinen Musikern muss ich mich anders ausdrücken. 

Lufthansa Magazin: Ihr Gaumen scheint sehr fein zu sein, Sie haben sogar Weinseminare gegeben. 

Axelrod: Nach meinem Musikstudium arbeitete ich fast zwei Jahre lang am Robert Mondavi Institute for Wine and Food Science in Kalifornien. Ich habe Weinerziehung gelehrt, Wein- proben geleitet und dazu Konzerte und Ausstellungen organisiert. In dieser Zeit nahm ich acht Kilo zu. Kein Wunder, es gab jeden Tag edle Weine, teilweise Jahrhundertweine wie den 1990er Bordeaux, dazu mehrere Gänge. Und bei Weinproben bleiben die Gläser ja immer halb voll stehen. Die kann man doch nicht einfach so wegschütten.

Lufthansa Magazin: Aber Sie hatten doch Musik studiert. Wa- rum plötzlich das große Interesse an Wein? 

Axelrod: Weil ich ein Dirigent bin, der gern mal über den Tellerrand schaut. Ich habe nach meinem Studium auch in einer Rockband gespielt und später als Agent für Popmusik gearbeitet. Ich war damals sogar mit Axel Rose von Guns’n’Roses befreundet. Axelrod und Axel Rose, klingt gut, oder?  Damals dachte ich, dass man die Menschen mit Popmusik besser erreichen kann als mit einer Sinfonie. 

Lufthansa Magazin: Wann hat sich das geändert? 

Axelrod: Eines Abends saß ich mit der Mondavi-Familie beim Essen zusammen, wir philosophierten über das Leben und den Tod, über Musik und Gott und die Welt. Im Hintergrund lief Richard Wagners „Tristan und Isolde“, als Robert Mondavi sagte: Ein guter Wein ist wie der Geschmack von Gott. Ich antwortete, dass ich nicht sehr gläubig sei, da sagte Mondavis Frau: Axel, folge deiner Glückseligkeit, folge deinem Herzen.

Lufthansa Magazin: Und dann spürten Sie plötzlich, dass Sie doch lieber Dirigent werden wollten?

Axelrod: Halt, die Geschichte geht ja noch weiter! Ich fuhr also mit dem Auto nach Hause, es war stockfinster, und in meinem Kopf waberten die Tristan-Musik und dieser Satz von Mondavi. Ich konnte mich überhaupt nicht konzentrieren, stoppte den Wagen, stieg aus und sah mir die Landschaft an: die geschwungenen Hügel, den kobaltblauen Himmel, den vollen Mond, die senfgelben Blumen. Erst dann fiel mir auf, dass absolut kein Laut zu hören war, kein Wind, kein Vogel, kein Insekt. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich Stille, und in dieser Stille lag pure Musik. Ich spürte: Ich muss zurück zur Musik, ich muss Dirigent werden. Ich fuhr wieder los, stellte das Radio an, und raten Sie mal, was gespielt wurde: die Tristan-Ouvertüre. Am nächsten Tag schrieb ich Mondavi einen Brief: Sorry, aber ich muss meinem Herzen folgen. Ich werde Dirigent. 

Lufthansa Magazin: Stimmt es, wenn man behauptet: Weder klassische Musik noch Wein versteht man auf Anhieb? 

Axelrod: Stimmt. Man braucht Erfahrung und Reife. Musik besteht aus Klang und Harmonie, Melodie und Rhythmus. Da wirken viele Elemente zusammen. Beim Wein ist es ähnlich. Ein Geschmack erschließt sich nach und nach, er kann sehr komplex sein und aus mehreren Schichten bestehen. Popmusik oder Bier funktionieren einfacher, da macht es bamm, und man hat verstanden. Und noch eine Gemeinsamkeit: Guter Wein ist alt, gute Musik ist auch alt.

Lufthansa Magazin: Viele Menschen setzen klassische Musik und Wein mit einem romantischen Abend und Genuss gleich. Stört Sie das als Synästhetiker? 

Axelrod: Im Gegenteil! Von mir aus können sie sogar im Kon- zertsaal trinken. Mozart hätte das als völlig normal empfunden. Diese ganze Etikette, dass die Leute still sitzen sollen, gibt es erst seit 70 Jahren. Früher haben sich die Menschen bei einem Konzert amüsiert und unterhalten. Sie haben gegessen und getrunken, vielleicht sogar Liebe gemacht.

Lufthansa Magazin: Sowohl Musik als auch Wein können in einen Rausch münden. Welche Musik berauscht Sie? 

Axelrod: Natürlich Wagners „Tristan“, aber auch „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky oder die „Symphonie fantas- tique“ von Hector Berlioz. Alles Beispiele für den perfekten Klangfarbenrausch, der auch am Morgen nach dem Konzert nicht abklingt. Bei mir hallen diese Stücke oft tagelang nach, in meinem Kopf, auf meiner Zunge.

Lufthansa Magazin: Welcher Rausch ist schöner: der musikalische oder der weinselige? 

Axelrod: Der musikalische, ganz klar. Er hält länger und macht keine Kopfschmerzen.

--------------------------------

images ENGLISH:

Lufthansa Magazin:
Mr. Axelrod, you’re both a conductor and a wine connoisseur. Do classical music and wine go together?

John Axelrod:
For me, they certainly do! I’m a synasthete, which means that I can taste music. Hearing a note leaves a sweet, spicy or salty taste on my tongue.

Lufthansa Magazin: Would you mind elaborating? 

Axelrod: I had a bad case of fish poisoning when I was ten years old and ran a very high fever for many days. For weeks afterward, everything I ate tasted like fish: chocolate, peanut butter, cheese, everything! It was so bad that my parents sent me to a hypnotist. After the session, the fish taste was gone but instead, I started tasting musical notes. 

Lufthansa Magazin:
And you still do to this day?

Axelrod:
Yes, sometimes I feel like asking my orchestra for a little more sugar or a pinch of salt! But you have to express yourself differently with musicians.

Lufthansa Magazin:
You apparently have a very fine palate because you even give wine seminars.

Axelrod: After getting my degree in music I worked for almost two years at the Robert Mondavi Institute for Wine and Food Science in California. I taught wine education, led wine-tasting sessions and organized concerts and exhibitions. I gained eight kilos during that period, which was hardly surprising because we had excellent wine every day, sometimes exceptional vintages like the 1990 Bordeaux, and meals consisting of several courses. At wine tastings the glasses were always left half full, you can’t just throw wine like that away. 

Lufthansa Magazin: But you already had your degree in music. Where did your sudden interest in wine come from?

Axelrod: I’m a conductor who likes to broaden his horizons. I played in a rock band after earning my degree and later worked as a pop music agent. I was even friends with Axel Rose of Guns ’n’ Roses. Axelrod and Axel Rose, sounds good, doesn’t it? I used to think you could reach out to people better with pop music than with a symphony orchestra. 

Lufthansa Magazin: When did you change your mind?

Axelrod: I was eating dinner one night with the Mondavi family and we started philosophizing about life and death and music and God and everything else under the sun. Richard Wagner’s Tristan and Isolde was playing in the background, and Robert Mondavi said: A good wine is like a taste of God. I told him I wasn’t particularly religious, and Mondavi’s wife said: John, follow your bliss, follow your heart.

Lufthansa Magazin: And so you suddenly realized that you wanted to become a conductor?

Axelrod: Wait, the story isn’t over yet! Driving my car home afterwards in total darkness my head was full of Tristan and what Mondavi had said. I couldn’t concen- trate on the road so I stopped the car, got out and looked around me at the rolling hills, the cobalt sky, the full moon and the mustard-colored flowers. That’s when I realized that I couldn’t hear a sound, no wind, no bird, no insect. For the first time in my life I was listening to silence and the silence was pure mu- sic. I knew then that I had to go back to music, had to be- come a conductor. So I got back in the car, drove off, turned the radio on and guess what it was playing: the Tristan overture. I wrote Robert Mondavi a letter the very next day saying: Sorry, but I have to follow my heart. I’m becoming a conductor. 

Lufthansa Magazin: Is it true that it’s impossible to under- stand both wine and classical music when you encounter them for the first time? 

Axelrod: Yes. You need to have experience and a certain maturity. Music is made up of sound and harmony, melody and rhythm, many elements working together. It’s a similar story with wine. The flavor unfolds slowly and can be very complex, consisting of several layers. Pop music and beer function completely differently. They both go bang and you get what they’re about immediately. Wine and music have another thing in common: good wine is old, good music is also old. 

Lufthansa Magazin:
Many people associate classical music and wine with a romantic evening. Is that a foreign concept to someone with synesthesia?

Axelrod: Quite the contrary! It wouldn’t bother me if peo- ple drank wine during concerts. Mozart would have considered it perfectly normal. Standard concert eti- quette of having to sit still while you listen to music has only been around for 70 years. Before that, people used to hold conversations and amuse themselves at a concert. They ate and drank and maybe even made love. 

Lufthansa Magazin: Both music and wine can be intoxicating. What music intoxicates you?

Axelrod: Wagner’s Tristan and Isolde, naturally, but also Stravinsky’s Rite of Spring and the Symphonie Fantas- tique by Berlioz. They’re all examples of an intoxicating mix of sounds that remains with you the morning after the concert. I often hear these pieces in my head and feel them on my tongue for days afterward. Lufthansa Magazin: Which type of intoxication do you prefer: the musical kind or the alcoholic kind? Axelrod: The musical kind. It lasts longer and doesn’t give you a headache.